Befreit-Vereint

1. Kapitel

IST DAS LEBEN EIN WORKSHOP?

 

 

 

TEIL 1 – RELATIONSHIPS

 

»I am here to make a difference«, und er ergänzte, »to make a difference in the world.«

 

Das war Harrys Credo: »Ich bin hier um einen Unterschied zu machen – in dieser Welt.«

 

 Mit den Jahren nahm dieses Credo in mir immer mehr Gestalt an, beginnend in meinem Leben und dadurch auch mit Auswirkung auf andere Menschen. Ja, dieser Workshop hat mein Leben grundlegend verändert und Harry hat einiges aus mir herausgeholt. Nein, er war kein Guru, wollte nie einer sein und verhielt sich oft so, dass er die Menschen – in Liebe – bis zum Äussersten forderte oder vor den Kopf stiess.

 

Er ist Amerikaner. Natürlich ist nicht alles, was von dort kommt zu unserem Besten. Trotzdem schwappt fast alles, Jahre später, nach Europa. Harry war ganz offensichtlich einer, der es wagte, unkonventionell zu sein – in seinem Denken, seinem Tun, seinen Absichten. Und das hat er nach Europa gebracht.

 

Amerika, dieses für Neuerungen bekannte Land, hat es auch möglich gemacht hat, dass ich heute an meinem Mac sitze und innerhalb von Sekunden mit dem Rest der Welt verbunden bin. Mit Dir liebe Leserin/lieber Leser, mit Euch über Facebook nur einen Klick entfernt, dank Google sofort überall. Auch real habe ich Amerika, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, mehrfach bereist; später das Land meiner Seele (Indien), das Land meiner Mutter (Ägypten), das Land der Göttinnenkraft (Afrika) besucht und andere mehr. Meine jetzige Heimat, die Schweiz, ist mir lieb und befindet sich im Zentrum von Europa. Scheinbar unbedeutend klein, haben wir doch einen Pulsschlag, der stetig in alle Richtungen und Länder wirkt. Umgekehrt werden dann auch wir wieder genährt von deren Energiefluss und Impulsen.

 

Manches Mal musst Du fremdgehen«, um zu Dir zu

 

finden.

 

Manches Mal muss etwas in Dir sterben, damit Du neu

 

geboren wirst.

 

Manchmal musst Du genau das tun, was Du Dir vorher

 

nie zugetraut hättest, um über Dich selbst hinauszu-

 

wachsen.

 

 

 

Erst wenn wir die eigene Grösse erkannt haben, merken wir, welche Fähigkeiten in uns verborgen sind. Das wird uns wahre Demut und Bescheidenheit lehren, die uns zu zur innewohnendern Weisheit führt. Einer Weisheit, zu deren Entdeckung ich mich früh aufgemacht hatte. Es ist kein angelerntes Wissen, es ist ein in den Tiefen schlummerndes Potenzial. Tatsächlich hatte ich mich bis zum Alter von fünfunddreissig Jahren stark am Aussen orientiert. Ich lebte erzwungenermassen, um endlose Diskussionen zu vermeiden, möglichst angepasst. Doch im Inneren loderte das Feuer einer Rebellin – ein Zwiespalt, in dem ich mich immer wieder befand. Mutig und doch scheu, selbstsicher und dann doch wieder zweifelnd. Erst jetzt begann ich zu erkennen, dass «»in Beziehung sein« heisst, eine gute Beziehung zu sich selbst zu haben. Erst wenn ich mit mir selbst eine reife Beziehung aufgebaut habe, werde ich fähig, auch mit anderen Menschen wirklich in Beziehung zu sein. Um entdecken zu können, wer ich selbst bin, musste ich mich von Erziehungsmustern, die mir bis dahin auch gedient hatten, genauso lösen, wie von den Lebensvorstellungen meiner Eltern, die sie mir zu vermitteln versuchten und denen der Gesellschaft. Bewusst wurde mir dies in meinem ersten Workshop der sinnigerweise »Relationships Workshop« hiess und jeweils am Donnerstagabend begann und bis Sonntagabend andauerte.

 

Ich lade Dich ein, mit auf diese Reise zu kommen, zu mir ins Jetzt, ins Wir.>>>>

 

BUCH 2:

 

REISEN UND L(I)EBEN MIT SPIRIT

 

RÜCKBLENDE (aus dem ersten Buch)

Ich hatte mich schon früher von einengenden Strukturen befreit. Strukturen die nicht zu mir passten. Die Grenzen meines Handelns und Denkens wurden fließender. Es begann damit, dass ich meine Wahrheit leben wollte. Das bedeutete auch herauszufinden, was denn für mich relevant war und somit meiner inneren Stimme Glauben schenkte. Plötzlich rückten universelle Wahrheiten in mein Sichtfeld, ich konnte mich mit Planetenenergien verbinden und anderes mehr. Der Erkenntnisweg über partnerschaftliche Beziehungen und Sexualität gingen tief. Als ich dann in die Gruppe von Elfriede eintrat eröffnete sich mir durch den Ausdruck „Göttliche Sexualität“ nochmals eine weitere Perspektive.

 

 

 

Eine wichtige, frühere Erfahrung war, mich mit sexuellen Übergriffen zu beschäftigen. Nach einem persönlichen Erlebnis, erfuhr ich, von einer befreundeten, medial arbeitenden Kollegin, dass meine Panikreaktion, mit meinem Vater zu tun hatte. Ich wusste nicht genau was geschehen war, denn ich weigerte mich Details zu erfahren. Später als ich dazu bereit war, klärte sich das. Es wird in diesem Buch aufgeschlüsselt, was  wirklich geschehen ist.

 

 

 

Ich lebte in einem spannungsgeladenen Umfeld, war jedoch im Grossen und Ganzen ein behütetes Kind. Fast froh war ich, meiner Übermutter und dem strengen Vater zu entkommen, als ich ins Welschland in die Handelsschule gehen durfte. Dort  lernte ich Titus kennen, mit dem ich später in wilder Ehe lebte, ihn dann heiratete und mit ihm eine Tochter bekam. Weitere Kinder gehörten nicht in meinem Lebensplan. Das erste Mal, klopfte der Tod sanft an, indem er mir das zweite Kind frühzeitig nahm. Beim nächsten Mal war da schon vehementer der Auftrag an mich gerichtet, endlich meiner Intuition zu folgen, die mir schon lange zugeflüstert hatte, dass ein weiteres Kind nicht vorgesehen sei.

 

 

 

Während meiner Berufstätigkeit, lernte ich Leandro kennen, der mich mit seiner einfühlsamen Art zu einer neuen Betrachtungsweise von mir selbst führte. So kam es, dass aus dieser Freundschaft Liebe wurde. Zwei Jahre war dauerte unsere enge Liebesbeziehung, die ich jedoch abrupt beendete, als eine klare Entscheidung fällig wurde.

 

 

 

Ein wichtiges Lernfeld wurden die Workshops mit Harry und seiner Partnerin. Zum ersten Mal bekam ich eine Ahnung davon, was es heisst „richtig in Beziehung zu sein“. Viele Jahre war ich aktiver Teil dieser Gruppen, zuerst als Kursbesucherin, danach als Team-Mitarbeiterin oder Übersetzerin. Ich blühte auf, stiess jedoch privat auf starke Widerstände – auch weil ich begann mich zu verändern. Nach 10 Jahren verliess ich die Organisation, bereichert, gestärkt, selbstsicherer. Ich hatte dank dieser Workshops meine Berufung mit Gruppen zu arbeiten gefunden. Ich merkte auch, dass Menschen sich gerne von mir berühren liessen und wollte gerne therapeutisch arbeiten. Ich fand Polarity oder die Polarity Therapie fand mich. Dann entfachte sich mein Interesse für Yoga, besonders als ich die Kombination von Akupressur kombiniert mit Yoga kennenlernte. Das stärkte mich und half mir noch mehr zu mir und der inneren Ruhe zu finden, dass ich es auf Anfrage zu unterrichten begann. Nach und nach begann ich auch mit Bachblütenberatungen, mit geistigem Heilen und arbeitet mit verschiedenen Techniken, wenn ich angefragt wurde.

 

 

 

Nachdem ich Fuss gefasst hatte in meinem neuen Tätigkeitsfeld, folgte die Scheidung von meinem Mann. So beschränkte sich unser Kontakt auf ein Minimum. Das veränderte sich erst nach einem schweren Schicksalsschlag, der noch folgen wird.

 

 

 

Mein erster Partner nach der Scheidung war Ami, der vieles in mir in Gang brachte. Unsere Sexualität war wunderschön und in seinen Armen erlebte ich eine Geborgenheit die ich vorher nicht gekannt hatte. Dass er es war, der das in meinen Zellen gespeicherte Trauma wiedererweckte, ist im ersten Buch beschrieben und hat mit dem oben beschriebenen Übergriff zu tun.

 

 

 

Yoga und Meditation brachten mich weiter, taten mir gut. Meine Kurse liefen zufriedenstellend und machten mir Spass. Nach wiederum 10 Jahren führte mich mein Weg zur eingangs erwähnten, spirituellen Gruppe in welcher wir Lichtköperarbeit praktizierten. Und eine weitere, starke Veränderung begann.

 

Ich war schon vorher oft auf Reisen gewesen, doch nun folgten ganz andere Erlebnisse fremder Orte.

 

 

 

Nach etlichen Beziehungen, sexuellen und spirituellen Erfahrungen gewann der Ausdruck „göttliche Sexualität - göttliche Beziehung“ immer mehr Gewicht. Ich tastete mich heran, lebte mit der Frage was das wohl sein könnte.

 

 

 

Es kam immer mehr inneres Wissen hoch, wurde gefördert und ich fand eine Weisheit die weiter reichte, als das was ich bisher erfahren hatte. Ich  entdeckte, dass es etwas in mir gab „das wusste“, vor allem gab ich diesem Wissen nun noch mehr Raum. Woher auch immer dieses Wissen kommt, wenn es sich richtig anfühlt, nehme ich es an. Ich bin nicht hellsichtig, doch ich „höre oder sehe mit dem inneren Auge“. Nicht immer wenn ich es will, sondern wenn es sein darf. Meine persönlichen Veränderungen brachten mir schon nach dem Relationships-Workshop Skepsis, Warnungen und Unverständnis seitens der Familie und von Freunden ein. Damit habe ich zu leben gelernt. Doch den beschrittenen Weg konnte ich nicht mehr verlassen.

 

 

 

Ich konnte andere Menschen plötzlich bewusster „erfühlen“ und bekam Antworten auf Fragen die diese betrafen. Es spielte keine Rolle ob diese noch lebten oder nicht, denn ich hatte plötzlich einen direkteren Draht zu Verstorbenen und erhielt auch in meinen Träumen Antworten. Meine medialen Fähigkeiten entwickelten sich stetig. Während der kommenden Reisen eröffneten sich mir auch sonst unsichtbare Welten.

 

 

 

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Ein Auszug aus der Hawaii-Reise:

 

Es war der 31. Dezember. Zu Hause feierten sie schon bald Silvester, und wir hier waren eben erst aufgestanden. Ich erhielt ein erstes SMS zum Neuen Jahr von Alexander, was mich total überraschte, ja überwältigte, hatte ich doch am Vorabend noch an die Buben von Alexander gedacht, mit denen ich voriges Jahr Weihnachten gefeiert hatte. Seltsam, was hier für Energien fliessen konnten, die zu Hause blockiert schienen. Es folgten weitere SMS von Freunden und Bekannten. Es machte mich sehr glücklich, dass ich dank Nena ein in den USA funktionstüchtiges Handy hatte. Ursprünglich wollte ich eine handyfreie Zeit verbringen, weil meines in den USA nicht funktionieren würde. Dann hatten wir uns entschieden, meine SIM-Karte in Nenas Handy zu integrieren, das ich mir für die Ferienzeit ausleihen durfte. So hatten wir auch anderen in der Gruppe Kontakte in die Schweiz ermöglicht. Es war noch nicht üblich, dass jeder ein eigenes Handy besitzt. Ich wurde also zur Überbringerin von Nachrichten. Dadurch fühlte ich mich ein wenig wie Hermes, der Götterbote, wie der auf dem Bild in meinem Wohnzimmer.

 

Nach einer sehr schönen Morgenmeditation mit der Gruppe stiessen wir mit Champagner an und gedachten der Daheimgebliebenen, die bereits Mitternacht hatten. Bei uns war es erst elf  Uhr morgens.

 

Es war ein idealer Tag, um das Meer zu geniessen, den kleinen Strand der Siedlung zu nutzen. Also gingen einige von uns schwimmen. Eine Zeit lang widmete ich mich unserer Drachenfrau, die eine unglaublich starke Verbindung zur Erde und zu Feuer hatte und gab ihr eine Watsu-Session (Wasser-Shiatsu), dort wo das Meer ganz ruhig ist. Entspannt liess sie sich bewegen und eintauchen. Eine starke Energie baute sich auf. Besonders, wenn ich sie in der Embryostellung im Wasser drehte, verlor sie die Orientierung und tauchte in vorgeburtliche Stadien ein, was emotional einiges auslöste. Loslassen kann mit ziemlich viel Energie verbunden sein. Nach einer Viertelstunde legte sie sich an den Strand, um sich zu erholen. Ich war nun frei und wollte auch mich befreien von allem, was mich das ganze Jahr belastet hatte. Es war so herrlich, diese Weite des Ozeans vor mir zu haben. Endlosigkeit und Ewigkeit. Gedankenverloren schwamm ich los, träumte vor mich hin und war unverhofft ganz plötzlich in tiefer Liebe mit meiner Zwillingsseele Emanuel über den Kosmos verbunden. Ich fühlte das Wasser, das mich trug, sah das Blau des Wassers, das sich mit dem Blau des Himmels vermählte. Ich wollte gerne stundenlang so weiterschwimmen. Als ich wie aus einem Traum erwachte, bemerkte ich grosse Wellen um mich herum. Ich kam gar nicht mehr vorwärts, war gefangen zwischen den Wassermassen und fühlte mich ausgeliefert. Der Strand schien sehr weit weg zu sein. Die starke Strömung hatte mich weggetrieben, in Bereiche, wo es schon recht gefährlich war, und ich hatte es nicht bemerkt. Ich kämpfte, schluckte Wasser, keuchte und dachte: „Das könnte mein Ende sein.“ Weit weg erkannte ich zwischen zwei Wellen, dass eine einzelne Person am Strand stand und überlegte, ob ich wohl je wieder dorthin kommen würde oder doch nicht. Den Tod durch Ertrinken stellte ich mir nicht besonders angenehm vor. Langsam liessen meine Kräfte nach. Vermutlich wusste niemand, wo ich war, keiner vermisste mich – So dachte ich. Plötzlich hörte ich die Stimme von Elfriede innerlich: „Du kannst es schaffen.“

 

Die Wellen, die mich umgaben, über mir zusammenschwappten, waren mindestens einen Meter hoch, was nicht viel war, doch sie schienen mich festzuhalten und gleichzeitig hinauszuziehen. Sie hatten eine unglaubliche Kraft, und ich spürte einen Sog nach unten. Ich hatte vergessen, dass seit Tagen die Touristenboote deswegen nicht mehr auf Delphinbeobachtung gingen. Es hiess jeden Tag, das Meer sei zu unruhig. Ich weiss nicht, was mich geritten hatte, so unvorsichtig zu werden. Vermutlich liess ich mich durch das stille Wasser beim Strand täuschen – Ich war schon ganz erschöpft und mochte nicht mehr schwimmen. Ja, ich hörte auf zu kämpfen und legte mich auf das Wasser, das immer wieder wild an mir zog, über mich schwappte. Es ging hoch und runter – Ich fühlte mich total hilflos und entschied mich, mich dem Höheren Selbst zu übergeben, zu ertrinken, wenn es denn sein sollte. Es war wirklich so, dass ich nun mit allem rechnete, eben auch damit, nicht mehr zurückkehren zu können. Dieses Gefühl, dass ich vielleicht auf dieser Reise sterben könnte, war schon vor der Abreise präsent. Es hatte mich auch veranlasst, ein Testament zu schreiben. Erfüllte sich diese Vorsehung jetzt? Ich hatte es gegenüber der Gruppe erwähnt, und Elfriede hatte laut aufgelacht. Sie ahnte, dass dem nicht so sein würde oder sah mich heil wieder zu Hause. Lachen ist auch Transformation, und sie lachte sehr oft und wir mit ihr. Bei mir war es so eine Art Ahnung, die jedoch nicht an Angst gekoppelt war.

 

Jetzt  liess ich die Angst, die mich erfasst hatte, los und wartete. Auf dem Rücken liegend, entspannte ich mich vollständig. Wofür sollte ich kämpfen? Ich war zufrieden mit meinem Leben und war bereit für das, was kommen würde. – Es dauerte ungefähr 20 Sekunden, und plötzlich streifte meine Hand einen Felsvorsprung. Direkt unter mir befand sich ein Riff. Ich konnte es kaum glauben. Es konnte meine Rettung sein. Tatsächlich, es war ein Felsenriff, das knapp unter der Wasseroberfläche lag, mitten im Wasser, das von Wellen umspült wurde und daher fast unsichtbar war. Ich konnte mich daran festhalten und war so dankbar für diese Verbindung zur Erde. Ich zog mich langsam daran hoch und schaute in Richtung Strand. Gleichzeitig musste ich mich gut festhalten, denn mit jeder Welle riskierte ich, umgeworfen zu werden. Die Wellen rissen immer wieder an mir, wollten mich, wie es schien, zurückhaben; sie konnten mich auch unterstützen. Mit deren Rhythmus tastete ich mich langsam weiter, griff nach der nächsten Unebenheit, die sich anbot, mal kroch ich auf allen Vieren oder ich robbte bäuchlings weiter.  So ging es von einer griffigen Kante zur nächsten. Natürlich schürfte ich mir die Haut an den Beinen, Knien, Armen dabei auf. Das kümmerte mich wenig. Als ich den höchsten Punkt erreicht hatte, stand ich leicht geduckt, mich festhaltend, auf und sah hinüber zum Strand. Immer noch stand da jemand, wie eine Säule, jemand, der Verbindung mit mir aufzunehmen schien. Ich entschied, mich danach ausrichten und darauf zuzuschwimmen. Hinter dem Riff wurde das Meer merklich ruhiger, schwimmen war wieder möglich. Tatsächlich schaffte ich es und kroch zuletzt auf allen Vieren aus dem Wasser. Total erschöpft küsste ich den Boden und sah die Freundin Gerda dastehen. Zum zweiten Mal war sie mein Engel, der mich unterstützt hatte. Sie nahm mich in die Arme und erzählte, sie sei intuitiv zum Strand gekommen, als die anderen diesen verliessen und hatte mich beobachtet. Sie sagte: „Du bist tatsächlich daran, viele Grenzen zu sprengen. Dein Spiel mit den Grenzen!“ – „Ja, scheint so“, sagte ich immer noch ein wenig atemlos und glücklich. Gerda: „Ich habe die anderen hier beruhigen müssen. Die meisten haben deine verzweifelten Versuche mitbekommen und steigerten sich in etwas hinein. Jemand ging in die Siedlung, um Hilfe zu holen. Ich weiss ja, dass du eine gute Schwimmerin bist, und ganz klar wusste ich, dass du es schaffen wirst.“ Kaum hatte sie das gesagt, kam der Hawaiianer auf mich zu, der geglaubt hatte, mich retten zu müssen. Er herrschte mich an: „Was fällt Ihnen bloss ein, ohne Flossen rauszuschwimmen, der Sog hier ist unglaublich gefährlich! Besonders die letzten Tage war das Meer ungewöhnlich bewegt“, faucht er mich weiter an, “das weiss man doch“. Schuldbewusst nicke ich und sage: “Sorry, ich habe es nur am Rande mitbekommen und vergessen. Plötzlich hat es mich abgetrieben. Flossen habe ich gar keine, aber ich bin ja jetzt wieder da“. Er schimpft noch eine Weile und sagt dann: „Das nächste Mal leihen Sie sich in der Reception Flossen aus. Zum Glück haben Sie das Riff erreicht. Es kann manchmal sehr schnell gehen. Sie wären nicht die Erste, die hier ertrunken ist.“ –  Ich erwiderte: „Ja, ich weiss, ich habe Glück und einen Schutzengel gehabt.“

 

 

 

 

 

1 Albert

 

Bedingungslos zu lieben, was war das nun genau?

 

Das fragte sie sich regelmäßig, nachdem sie das fünfzigste Lebensjahr überschritten hatte. Marietta lag noch im Bett und erwartete, dass der ungeliebte Duft von Marihuana ihr in die Nase stieg von Albert, der, wie so oft, an die Wand des Hauses gelehnt frühmorgens seinen ersten Joint rauchte. Sie fühlte sich lausig und hätte am liebsten ihre Verzweiflung laut aus dem Fenster geschrien, aber sie lebte in einem kleinen Haus in einer Wohnsiedlung, Haus an Haus mit anderen Nachbarn. Die Nachbarin, die gerne zu jeder Tageszeit im Garten etwas arbeitete oder inspizierte, könnte sie hören und für übergeschnappt halten. Und er?

 

Laut schreien – das ging schlecht. Stattdessen biss sie die Zähne zusammen, krallte die Hände in die Bettdecke und stand nach einer Weile seufzend auf. Verwundert, dass sie immer noch nichts Ungewöhnliches roch, öffnete sie das Fenster weiter auf und atmete ein paar Mal tief durch. Sie sah den Wolken nach, die vorbeizogen, und schaute sich deren Formen an. Das tat sie sehr gerne, denn dann sah sie Herzen, Gesichter, Tiere. Heute waren es zu ihrer Freude unzählige Wellen aus kleinen Wolken, die an die Tapete ihres Schlafzimmers erinnerten, denn sie liebte Wasser und den bewegten Himmel.

 

Auf welcher Welle schwamm sie? War es eine Welle der echten Besorgnis? Oder war es eine Welle, die etwas davontrug? Hatte sie etwa Angst? Davor, dass ihr Leben jetzt, wo die Kinder ausgezogen waren, öde würde? Davor, dass die Zeit für eine neue Partnerschaft nun endgültig vorbei war? Sie wusste, dass niemand ihr Alter auf 50 Jahre schätzte. Alle sagten, sie sähe jünger aus. Sie fühlte sich noch nicht reif für die Insel. Marietta fand sich selbst nicht sonderlich schön, aber mit den Jahren hatte sie ihr Aussehen akzeptiert, bedingungslos lieben konnte sie sich selbst aber nicht. Sie war keine großgewachsene Frau mit schönen langen Beinen, keine Blondine, welche die Blicke auf sich zog, doch ihre Freundlichkeit sprach Menschen an und ihre Energie drückte eine Präsenz aus, die viele Menschen dazu brachte, ihr zu vertrauen. Sie hatte einen gewissen Charme, das war nicht zu leugnen, und er diente ihr oft in ihren Kursen. Mariettas Gesicht war ebenmäßig, ihre Lippen voll und das braune Haar fiel ihr bis auf die Schultern und umrahmte ein Gesicht, das mütterlich-weiche Züge hatte. Ihre ausdrucksvollen grünen Augen, die manchmal hell blitzen konnten, wenn sie lachte, dann wieder, je nach Lichteinfall, dunkler bis fast braun schienen, waren offen in die Welt gerichtet. Nicht nur die Wolken, auch Landschaften, Menschen und Bilder, die sie ansah, verwandelten sich in ihr in ein Gefühl, und so konnten heute die vorbeiziehenden Wolken ihre Gefühle besänftigen. Marietta nahm vieles über die Sinne auf. Wenn sie wütend war, erwachte ihr Temperament, das jedoch mit den Jahren und ihrer Arbeit als Therapeutin und Meditationslehrerin milder geworden war. Manchmal konnten die Augen streng blicken, und man musste sich fragen, ob man etwas angestellt hatte. Es gab aber auch Momente, da wirkte sie abwesend. Das war immer dann, wenn sie in ihr Innerstes hineinhorchte. Das verunsicherte andere oft, weil sie weit weg zu sein schien. Die Scheidung nach so vielen Jahren Ehe und danach dieses Zusammenleben mit Albert hatten den Versuch, bedingungslos zu lieben, schwer gemacht. Bisweilen tauchte deswegen auch eine Traurigkeit in ihren Augen auf. Und ihre Kinder? Liebte sie diese bedingungslos? Sie hatte sich oft durchsetzen müssen, weil deren Vater sich wenig bis gar nicht um sie kümmerte. Wenn sie ihre Kinder beschützte und versuchte, auf deren Eigenheiten einzugehen, war das Liebe, aber nicht gänzlich bedingungslos, nur nahe dran. Die Drei waren inzwischen flügge und hatten ihr eigenes Leben. Und Sie, Marietta? Sie wollte ihre Fähigkeit zu lieben ausdehnen.

 

Marietta hatte Albert in einem Forum für spirituelles Leben kennengelernt. Sie staunte, wie tief er sich mit spirituellen Themen auskannte und fragte, ob man sich auch privat austauschen könne. Sofort sandte er ihr seine E-Mail-Adresse. Seine Zeilen zeigten Interesse an ihrem Leben und er erzählte gerne, wie und wo er zu seinem Wissen gelangt war; das faszinierte sie. Er hatte sich intensiv mit der Kultur der Länder befasst, in denen er sich aus beruflichen Gründen als Ingenieur aufgehalten hatte. Sie erfuhr viel über seine Herkunftsfamilie, aber von seinem derzeitigen Leben schrieb er wenig. Nebenbei erwähnte er, dass er alleine lebte, geschieden war und sich eine Veränderung wünschte. Manchmal klangen seine Zeilen sehr liebevoll und das berührte sie. Nach Monaten des Austausches per Mail beschlossen sie, sich zu treffen.

 

Als sie Albert zum ersten Mal sah, war sie angenehm überrascht. Seine Erscheinung war athletisch und er maß bestimmt 1 Meter 90. Seine Bewegungen waren fließend und leicht, als er auf sie zuschritt.